Wer in diesen Tagen bei RAM oder SSD auf Entspannung hofft, bekommt vor allem ein statistisches Beruhigungspflaster. Ja, bei einzelnen Spotpreisen bewegt sich etwas nach unten. Nein, das ist noch keine echte Wende. Die eigentliche Geschichte spielt weiter bei der Kapazitätsverteilung der Hersteller, bei langfristig gesicherten Liefermengen für Rechenzentren und bei der Frage, wie viel vom verbleibenden Output überhaupt noch in klassische PC-Komponenten fließt. Die Antwort ist unerquicklich: zu wenig und zu teuer.
Die Chronologie einer Eskalation
Die Entwicklung lässt sich inzwischen sauber nachzeichnen. Reuters ordnete am 23. Januar den Speicherpreisschub als Belastung für PCs, Smartphones und Konsolen ein, verbunden mit der Prognose, dass Hersteller entweder Preise anheben oder Margen opfern müssen. Am 2. Februar meldete dieselbe Quelle unter Verweis auf TrendForce, dass die Prognose für konventionelle DRAM-Vertragspreise im ersten Quartal 2026 von zuvor 55 bis 60 Prozent auf plus 90 bis 95 Prozent gegenüber dem Vorquartal angehoben wurde. Die Vertragspreise für PC-DRAM stiegen laut TrendForce zum Teil sogar um über 100 Prozent im Quartalsvergleich, der mit Abstand stärkste Anstieg seit Beginn der Marktbeobachtung.
Am 31. März legte TrendForce nach: Für das zweite Quartal erwartet das Marktforschungsunternehmen weitere 58 bis 63 Prozent Plus bei konventionellem DRAM und sogar 70 bis 75 Prozent bei NAND-Flash-Vertragspreisen. Das ist insofern bemerkenswert, als NAND damit zum ersten Mal im aktuellen Zyklus schneller steigt als DRAM. Am 7. April wurde TrendForce bei Consumer-DRAM noch konkreter und sieht dort im zweiten Quartal weiter ein Plus von 45 bis 50 Prozent, angetrieben durch die fortgesetzte Einstellung älterer Fertigungsnodes und die Umleitung von Kapazitäten auf höhermargige Produkte.
Am 15. April meldete dieselbe Quelle schließlich einen minimalen Rückgang beim DDR4-Spotpreis um 0,48 Prozent auf Wochenbasis, von 33,56 US-Dollar am 8. April auf 33,40 US-Dollar am 14. April für DDR4 1Gx8 3200 MT/s. Der Markt wird aber weiter als lethargisch, vorsichtig und von hohen Preisniveaus geprägt beschrieben. Parallel gaben Spotpreise für 512Gb-TLC-Wafer um 3,13 Prozent auf 21,00 US-Dollar nach. Übersetzt: Der Spotmarkt atmet kurz aus, während der Vertragsmarkt den Endkunden weiter die Luft nimmt.
Spotmarkt und Vertragsmarkt laufen in entgegengesetzte Richtung
Der springende Punkt ist die Trennung zwischen Spot- und Vertragsmarkt. PC-Bauer sehen oft nur Straßenpreise einzelner Kits oder SSDs und deuten erste Rückgänge sofort als Trendwende. Für OEMs und große Abnehmer zählen aber vor allem Vertragsabschlüsse, und dort bleibt der Druck massiv. TrendForce beschreibt, dass DRAM-Hersteller Kapazitäten weiter in HBM, Server-DRAM und Enterprise-SSDs umlenken und gleichzeitig eine „Catch-up-Pricing“-Strategie verfolgen, die die Preisunterschiede zwischen den einzelnen Produktkategorien schließen soll. Für PC-OEMs bedeutet das niedrigere Zuteilungen, höhere Nachkaufpreise und wachsenden Druck, Geräte kleiner zu konfigurieren oder teurer zu machen.
TrendForce hat die weltweite Notebook-Produktion für 2026 bereits auf minus 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr nach unten korrigiert, nachdem zuvor noch ein Plus von 1,7 Prozent erwartet wurde. Bei Smartphones liegt die Erwartung inzwischen bei 1,135 Milliarden Einheiten, ein Rückgang um rund 10 Prozent im Jahresvergleich. DRAM und NAND machen im Vorkrisenszenario 10 bis 18 Prozent der Notebook-Stückkosten aus, je nach Ausstattung. Verschiebt sich dieser Anteil nach oben, weil sich nichts anderes an einem Notebook im gleichen Tempo verbilligt, bleibt den Herstellern nur die Wahl zwischen Preisanhebung, Spezifikations-Downgrade oder Marktaustritt in der unteren Preisklasse. Letzteres zeichnet sich bei kleineren Smartphone-Marken bereits ab, wo TrendForce eine beginnende Konsolidierung beobachtet.
NAND sitzt noch fester im Engpass als DRAM
Besonders angespannt ist die Lage bei Enterprise-SSDs. TrendForce schrieb am 31. März ausdrücklich, dass NAND-Kapazität zunehmend in diesen Bereich fließt, während Client-SSD-Zuteilungen unter Kostendruck zurückgenommen werden. Cloud-Anbieter schließen inzwischen Mehrquartals-Abnahmevereinbarungen ab, um Kapazität zu sichern, und sind bereit, die steigenden Preise zu bezahlen. Eine spürbare Kapazitätserweiterung erwartet TrendForce nicht vor Ende 2027, realistischer wird es 2028. Bis dahin bleibt der Engpass struktureller Natur, nicht temporär.
Am deutlichsten trifft es das eMMC- und UFS-Segment, das für Budget-Smartphones, Chromebooks und eingebettete Geräte zentral ist. Diese Prozesskapazität überschneidet sich mit der Enterprise-SSD-Fertigung und bringt deutlich niedrigere Margen, was sie in der Allokationsreihenfolge der Hersteller ganz nach hinten rückt. Auch Phison-CEO Pua Khein-Seng warnt inzwischen, dass anhaltende NAND-Engpässe einzelne Consumer-Elektronik-Anbieter aus dem Markt drängen können.
Warum die AI-Server-Logik den PC-Markt überrollt
Hinzu kommt, dass sich der Engpass nicht mehr nur auf DRAM und NAND beschränkt, sondern auf die gesamte Lieferkette durchschlägt. TrendForce meldete am 15. April zusätzlich verlängerte Vorlaufzeiten bei mehreren Server-Komponenten, weil Lieferanten höhermargige AI-Server priorisieren. Das klingt weit weg vom Gaming-Rechner unterm Schreibtisch, ist aber genau derselbe Mechanismus: Wer mehr Marge bringt, bekommt zuerst Silizium und Waferzeit. Der Rest darf warten.
SK-Group-Chairman Chey Tae-won geht davon aus, dass die Knappheit bis 2030 anhalten wird. Der Kapitalaufwand der acht größten Cloud-Service-Provider weltweit soll 2026 mehr als 710 Milliarden US-Dollar erreichen, ein Plus von rund 61 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Memory macht laut TrendForce in diesem Jahr erstmals rund 30 Prozent der Rechenzentrums-Investitionen aus, viermal so viel wie 2023. Solange dieses Geld in den Markt drückt, hat der Consumer-Bereich strukturell das Nachsehen, unabhängig davon, wie die Spotpreise sich an einzelnen Stichtagen bewegen.
Auch Legacy-DDR4 bleibt ein Sonderfall
Eine zusätzliche Zuspitzung betrifft ältere DDR4-Dichten. Samsung und Micron haben 2025 angekündigt, die Fertigung mehrerer Legacy-DDR4-Produkte unterhalb von 4 Gigabit auslaufen zu lassen, was TrendForce im März mit einem Preisanstieg von über 20 Prozent innerhalb eines einzigen Monats bei DDR4-4-Gb-Chips bestätigte. Für Käufer, die ältere Systeme mit DDR4 aufrüsten wollen, entsteht damit ein paradoxes Bild: Während neuere DDR5-Module in absoluten Zahlen teurer sind, laufen gleichzeitig die günstigeren Alt-Produkte aus, sodass klassische „Budget-Upgrades“ mit vier oder acht Gigabyte DDR4 kaum noch sinnvoll kalkulierbar sind.
Was die Lage für Käufer im zweiten Quartal bedeutet
Der kleine DDR4-Rückgang im Spotmarkt ist kein Befreiungsschlag, sondern eher ein Räuspern im Maschinenraum. Für Käufer bedeutet das weiter Vorsicht, vor allem bei großen RAM-Kits und SSD-Kapazitäten oberhalb des Mainstreams. Wer jetzt Hardware benötigt, sollte sich am laufenden Vertragsmarkt orientieren, nicht an der Spotpreis-Schlagzeile der Woche, und Preisvergleiche über mehrere Wochen mitnehmen statt aus einem einzelnen Datenpunkt eine Trendwende abzuleiten. Wer auf einen schnellen Preissturz spekuliert, wettet derzeit eher gegen die Produktionslogik der Branche als auf eine reale Entspannung. Und das ist selten ein kluger Wettschein.
Neuaufrüstungen mit viel RAM oder großen SSDs lassen sich, wenn möglich, ins zweite Halbjahr verschieben, auch wenn es selbst dann keine Garantie für fallende Preise gibt. Wer dagegen vorhat, bestehende Systeme nur punktuell zu reparieren oder moderat zu erweitern, fährt mit kleineren Modulen und Standardkapazitäten in diesem Umfeld besser als mit dem Griff zu High-End-Kits. Der Markt belohnt derzeit Geduld und bestraft Impulskäufe.
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Quelle: RAM und SSD bleiben vorerst teuer, kleiner Spotpreis-Rückgang ändert am Grundproblem fast nichts

by BlackRabbitZ