AMD Radeon RX 9060 XT: Preisanker in einer schlechten Speicherphase
Manchmal muss man eine Geschichte geradeziehen, bevor sie sich selbst weitererzählt. Bei AMDs aktueller Radeon-Debatte ist genau das nötig. Aus einer realen Speicherkrise, einem offiziellen Produkt und ein paar hektisch weitergereichten Board-Channel-Hinweisen wurde ein Narrativ gebaut, das sauberer sortiert werden muss. Die kurze Version: Die Radeon RX 9060 XT ist längst kein Gerücht mehr, die angebliche Priorisierung der 8-GB-Klasse dagegen schon – und dazwischen liegt ein Markt, der 2026 plötzlich wieder sehr nüchtern rechnet.
Was offiziell ist und was nicht
Seit dem 20. Mai 2025 ist die Radeon RX 9060 XT offiziell angekündigt. AMD nennt für beide Varianten denselben Navi-44-Ausbau mit 32 Compute Units, einem 128-Bit-Speicherinterface und 32 MB Infinity Cache. Die offizielle Preisstaffelung lag zur Vorstellung bei 299 US-Dollar für die 8-GB-Variante und 349 US-Dollar für das 16-GB-Modell. Auf der eigenen Produktseite positioniert AMD die Karte ausdrücklich als 1440p-Lösung.
Nicht offiziell bestätigt ist dagegen die zweite Erzählung: dass AMD oder seine Boardpartner gezielt 8-GB-Modelle bevorzugen und größere Navi-Karten im Markt künstlich zurücknehmen würden. Diese Lesart stützt sich im Kern auf einen Anfang April 2026 von VideoCardz aufgegriffenen Board-Channel-Bericht, laut dem Partner auf steigende VRAM-Kosten mit Preisanhebungen und stärkerem Fokus auf 8 GB reagieren könnten. Das kann man als Frühindikator ernst nehmen, als bestätigte AMD-Strategie aber eben nicht. Eigene Nachfragen bei Boardpartnern bestätigen zwar das von VideoCardz gezeichnete Bild – aber hier muss man deutlich zwischen momentaner Verfügbarkeit von GPU-RAM-Bundles und den strategischen Interessen des Herstellers trennen.
Die Speicherkrise ist real, aber nicht alles
Der eigentliche Treiber ist kein geheimer AMD-Masterplan, sondern die Speicherpreislage. TrendForce erwartet für das zweite Quartal 2026 bei konventionellem DRAM einen Anstieg der Vertragspreise um 58 bis 63 Prozent gegenüber dem Vorquartal, bei NAND Flash sogar 70 bis 75 Prozent. Begründet wird das mit knapper Versorgung, Verlagerung von Kapazitäten in margenstärkere Server- und KI-Segmente sowie langfristigen Liefervereinbarungen der großen Cloud-Kunden. Reuters berichtete parallel über Samsungs Gewinnsprung und verwies ebenfalls auf die durch den KI-Boom stark gestiegenen Speicherpreise.
AMD-Manager David McAfee erklärte während der CES 2026 gegenüber Gizmodo, dass ohne Speicher zum richtigen Preis die Kalkulation für passende Grafikkarten im richtigen Marktsegment schwierig werde. AMD sprach damit nicht von unmittelbar drohender Knappheit, sondern von ökonomischem Druck auf Preisziele und Produktmix. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Der Preisanker funktioniert nur, wenn die Alternativen teurer bleiben
Damit wird die 8-GB-Klasse für AMD und die Boardpartner vor allem zu einem Preisanker. Auf Geizhals startet eine RX 9060 XT mit 8 GB derzeit bei 329 Euro, die 16-GB-Variante derselben Karte bereits bei 412 Euro. Der Abstand ist vorhanden, aber nicht groß genug, um die kleinere Speicherausstattung automatisch als vernünftigen Langfristkauf erscheinen zu lassen.
Noch heikler wird es eine Klasse höher. Eine ganze Reihe direkt lieferbarer RX-9070-Karten wird bereits unterhalb des UVP von 629 Euro angeboten, die günstigste sogar unter 550 Euro. Genau an diesem Punkt kippt die Logik. Wenn die nächststärkere Karte mit 16 GB Speicher preislich schon deutlich Richtung Mainstream rutscht, wirkt eine auf Kante bepreiste 8-GB-Karte nicht mehr wie eine starke Einstiegsoption, sondern wie eine Lösung für alle, die eigentlich nicht das kaufen wollen, was sie gerade kaufen.
Was FSR und KI-Rendering nicht leisten können
AMD kann darauf verweisen, dass moderne Rekonstruktionsverfahren und neuronale Rendering-Funktionen die wahrgenommene Leistung verbessern. Das stimmt auch. Ray Regeneration kann verrauschte Daten besser aufbereiten, Radiance Caching kann Beleuchtung effizienter approximieren, Frame Generation kann mehr sichtbare Bilder erzeugen. Keines davon schafft aber zusätzlichen lokalen VRAM. Für Käufer, die nicht nur auf 1080p heute, sondern auf 1440p morgen und übermorgen blicken, ist genau das der neuralgische Punkt – bei Nvidia ist das im Übrigen nicht anders.
Das übersehene Problem der Boardpartner
Das AIB-Geschäft arbeitet seit Jahren unter Margendruck. Kontakte bei Boardpartnern berichten, dass die verbleibenden Spannen teils nur noch im niedrigen einstelligen bis mittleren einstelligen Bereich liegen. Jon Peddie Research schrieb bereits im Zusammenhang mit EVGAs Ausstieg aus dem Nvidia-Geschäft, dass Fertigungs-, Entwicklungs- und Marktkosten gestiegen seien, während die Margen der AIB-Partner zurückgegangen seien. Das ist keine AMD-Spezialität, sondern ein Grundproblem des gesamten Boardgeschäfts.
Deshalb lohnen sich teurere Modelle für Boardpartner nicht automatisch stärker. Je höher der Eigenkostenblock pro Karte, desto größer wird das gebundene Kapital im Kanal. Wenn Speicherpreise steigen, der Handel Rabatte verlangt oder der Hersteller sein Preisfenster nicht konsequent durchsetzen kann, wird aus einem nominell höherwertigen Modell schnell ein betriebswirtschaftlich heikles Produkt. In so einer Lage ist es durchaus plausibel, dass Partner kleinere Speicherausstattungen bevorzugen – selbst wenn diese im Endkundenmarkt nicht die attraktivste Story ergeben. Unromantisch, aber realistisch.
Schadensbegrenzung, kein Strategiegewinn
AMD hat die RX 9060 XT offiziell in zwei Speicherstufen auf den Markt gebracht, daran gibt es nichts zu deuteln. Unbestätigt bleibt, ob der Markt nun aus Kostendruck tatsächlich stärker in Richtung 8 GB gedrückt wird. Aber genau das ist bereits heikel genug, weil die reale Preislage in Deutschland diese kleine Karte nicht automatisch vernünftig aussehen lässt.
AMD wird mit 8 GB im Jahr 2026 keine nennenswerten Marktanteile zurückgewinnen, sondern allenfalls den anstehenden Schaden begrenzen. Kurzfristig kann das Stückzahlen retten, langfristig verbessert es die Wahrnehmung der Marke kaum. Wer heute knapp kalkuliert, kauft rationaler als noch vor zwei Jahren. Und rational betrachtet sieht ein 8-GB-Produkt in diesem Preisumfeld schnell wie das aus, was es wahrscheinlich auch ist: ein Preisanker in einer schlechten Speicherphase – aber kein überzeugendes Zukunftsversprechen.
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by BlackRabbitZ